Ehrlich gesagt
Mir fällt seit einer Weile etwas auf. Immer wieder. In allen Lebensbereichen.
Ich plane etwas ein, schätze den Aufwand, lege los. Und am Ende hat es länger gedauert als gedacht.
Diese Woche allein: Ich wollte einen Artikel schreiben, habe mir eine Stunde eingeplant und saß zwei daran. Ich wollte die vermeintliche Folie vom Anhänger abziehen, kurze Sache, dachte ich. Die Plane des Anhängers war bedruckt. Verdünnung, Scheuern, sieben Stunden später fertig. Ich wollte hinten die Bremsscheiben und Beläge wechseln. Der Bremskolben eines Sattels verkantet, die elektronische Parkbremse ließ sich nicht öffnen. Ende vom Lied: neuer Bremssattel, Bremsen entlüften, Teile bestellen, erheblicher Mehrzeitaufwand.
Drei verschiedene Dinge. Dasselbe Muster.
Irgendwann fängt man an sich zu fragen, ob man einfach schlecht im Planen ist. Ob man zu wenig Puffer einrechnet. Ob man zu optimistisch ist.
Mein alter Fahrlehrer hatte dafür einen Satz, der mir bis heute nicht aus dem Kopf geht. Ich wollte noch eben schnell vor einem querenden Fahrradfahrer abbiegen. Keine Kontrolle über die Kupplung, Auto abgesoffen, gefährliche Situation. Seine Reaktion:
„Eben schnell, dauert immer lange.“
Beim Recherchieren zu diesem Artikel bin ich auf einen Begriff gestoßen, den ich vorher nicht kannte: den Planungsirrtum, auf Englisch Planning Fallacy. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben ihn 1979 beschrieben [1]: Menschen unterschätzen systematisch den Zeitaufwand für eigene Aufgaben. Nicht weil sie schlecht planen. Sondern weil sie beim Schätzen den Idealfall vor Augen haben und dabei alle Parameter ignorieren, die sie vorher nicht kennen können.
Die Folie lässt sich abziehen. Der Artikel schreibt sich flüssig. Die elektronische Parkbremse lässt sich in Servicestellung bringen und Bremsscheibe und Belag lassen sich schnell wechseln.
Was wir nicht einplanen sind die Dinge, die wir erst sehen wenn wir mittendrin sind. Die Plane die bedruckt ist. Der Gedanke der beim Schreiben noch ausgearbeitet werden muss. Der Kolben der verkantet.
Im Privaten ist das ärgerlich. Im Beruf wird es teuer.
Ich kenne das aus der Projektarbeit. Aufwandsschätzungen sind eine der schwierigsten Disziplinen in der Entwicklung. Nicht weil die Menschen die schätzen inkompetent sind. Sondern weil eine Schätzung immer auf unvollständigen Informationen basiert. Man schätzt den bekannten Teil. Den unbekannten Teil schätzt man nicht, oder nur unzureichend.
Der Planungsirrtum hat dabei zwei Gesichter. Manchmal fehlen die Parameter, die man erst kennt wenn man mittendrin steckt. Manchmal fehlt schlicht die Praxis. Mein Fahrlehrer hat das damals nicht kommentiert weil ich die Physik des Abbiegens nicht kannte. Sondern weil mir die Erfahrung fehlte, die Kupplung in dieser Situation richtig zu dosieren.
Beides führt zum selben Ergebnis: Der Plan hält nicht.
Zu wissen, dass dieses Muster einen Namen hat und wissenschaftlich belegt ist, hat mir den Gedanken genommen, dass es vielleicht nur bei mir so ist.
Die Konsequenz für mich ist klar: Ich werde den Planungsirrtum von jetzt an als festen Faktor einkalkulieren. Das bedeutet weniger vornehmen, mehr Zeit pro Aufgabe einplanen, und ehrlicher sein mit dem, was an einem Tag wirklich machbar ist.
Eben schnell, dauert immer lange.
Und trotzdem hoffe ich jedes Mal wieder, dass es diesmal wie geplant klappt. Wie Hannibal vom A-Team eigentlich in jeder Folge zu sagen pflegte: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“
[1] Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Intuitive Prediction: Biases and Corrective Procedures. Zitiert nach: Wikipedia, Planning Fallacy